Nicole Schuck, Residenzkünstlerin im Kranich Museum

Nicole Schuck ist nächste Residenzkünstlerin im Kranich Museum. Tom Heaven hat sie in ihrem Atelier in Kreuzberg, Berlin, interviewt.

Tom Heaven: Deine Zeichnungen sind als visuelle Erzählungen beschrieben worden, obwohl sie oft präzisen, wissenschaftlichen Abbildungen ähneln. Welche Rolle spielen Erzählungen in deiner Kunst? Wie unterscheidet sie sich von den traditionellen Erzählmodellen in der Kunst?

Nicole Schuck: Gute Frage, was ist das traditionelle Erzählmodell in der Kunst? Würde ich gleich zurück fragen.

Ja also, wenn ich an das traditionelle Erzählmodell denke, denke ich vielleicht an Hogarth oder diese religiösen Bilder, wo man einen bestimmten Zeitpunkt hat und alles ist ganz dramatisch und so weiter. Vielleicht gibt es da eine ganz literarische Geschichte, die alle kennen.

Meine Erzählungen haben mehr mit Spotlights auf bestimmte Aspekte von Natur und Mensch zu tun. Ich mache zweierlei Dinge. Ich zeichne einerseits und andererseits gibt es Erzählspaziergänge und auch Performances wo ich mit dem Publikum zum Teil drei Stunden und mehr durch bestimmte Regionen laufe und eine Kombination mache aus Dokumentarischem, was ich selbst beobachtet habe oder was mir Leute erzählt haben und Fiktivem. Für mich ist es in diesen Zeichnungen ähnlich und wenn ich Performances oder Erzählspaziergänge mache, ist es nie eine klassische Verlaufsform einer Geschichte. Du hast nicht einen Plot Point und dann irgendwann das Ende, sondern es sind verschiedene Aspekte: Aspekte von Landschaft und Aspekte von…, ich meine es gibt ja nicht mehr in dem Sinne Landschaft, sondern es ist alles eine Form von Kulturlandschaft. Wir haben gar nicht mehr diesen natürlichen Urwald und von daher sind eben die tierischen Lebensräume und die menschlichen Lebensräume eins.

Das was du hier siehst (zeigt auf eine sehr großformatige Zeichnung an der Wand), das ist eine Arbeit über Gravenhorst, dort war ich im letzten Jahr sehr lange und habe mit Tierspezialisten Begehungen gemacht. Wir waren sehr viel im Wald, für mich ist es wichtig diese Begehungen zu unternehmen. Es hat damit zu tun sich eine Gegend zu erlaufen und ein Gefühl dafür zu bekommen und den Geruch zu kennen, also ‚Was ist das?’. Und die Gegend dort hat zum Beispiel einen richtig erdigen Wald, was ein großer Unterschied zu diesem Brandenburgischen hier ist. Das ist alles total sandig und ach, es gibt noch eine schöne Theorie warum in Berlin alles immer im Durchfluss ist, weil es eben auf Sand gebaut ist. In der Umgebung von Gravenhorst gibt es sehr viele Moore, mit ganz schwarzem Wasser und es riecht sehr modrig. In der Gegend leben noch Feuersalamander. Wenige, die sind vom Aussterben bedroht.

Zeichnung aus der Serie "Zeittiere und 185 Einwohner je km²" (Feuersalamander), Bleistift auf Papier, 245 cm x 150 cm. 2012

Zeichnung aus der Serie “Zeittiere und 185 Einwohner je km²”
(Feuersalamander), Bleistift auf Papier, 245 cm x 150 cm. 2012

Was ich mache ist sozusagen durch das Tier wieder die Landschaft zu zeigen. So dass du im Tier, wie hier bei dem Feuersalamander, wieder den Teutoburger Wald ein Stück weit erkennst. Gestein, Verschiebungen…. Wie  topografische Karten durch Tiere, das ist es eigentlich und dann kombiniert mit den menschlichen Wegen, was auch gleichzeitig wieder ein Teil der Haut des Tieres ist. Wo du einsteigst und deine eigene Geschichte darin findest, ist dir überlassen. Das ist ein Angebot.

Das meine ich mit diesen Erzählungen auch wie bei diesem Tier (deutet auf eine ebenfalls sehr großformatige Zeichnung an der Atelierwand). Dies ist ein Mauswiesel, es ist in Realität nur so groß (misst einen kleinen Abstand zwischen beiden Zeigefingern ab). Ein ganz kleines Tier, das habe ich gefunden. Es war tot. Du siehst die Tiere in meinen Zeichnungen sind nie komplett. Hier ist der Kopf und auf der anderen Seite der Körper. Also das ist eigentlich vorne (weist auf die Brust des Mauswiesels) und hier ist der Kopf, darüber liegt das Hauptstrassverkehrsnetz der Gegend. Als ich die Arbeit gezeigt habe in Gravenhorst hat jemand gesagt. „Ach, das sieht ja aus wie die Elter Düne“, das ist eine Düne, die sich in der Region befindet.  Die Zeichnung hat ihn sehr daran erinnert, er ist in seiner Kindheit oft dort gewesen. Und plötzlich wird ein Fell zu einer Graswiese, oder einer sehr trockenen Wiese.

Zeichnung aus der Serie "Zeittiere und 185 Einwohner je km²" (Mauswiesel), Bleistift auf Papier, 150 cm x 245 cm. 2011

Zeichnung aus der Serie “Zeittiere und 185 Einwohner je km²”
(Mauswiesel), Bleistift auf Papier, 150 cm x 245 cm. 2011

Ich habe mit diesen Reflektionen über Landschaft durch Tiere angefangen, als ich auf Island war. Ich bin zweieinhalb Monate um die Insel gewandert mit Zelt und Rücksack. Wenn du immer draußen bleibst, denkst du natürlich ganz, ganz viel über diese Fragen von Sehnsucht in Bezug auf Landschaft nach. Du triffst ständig irgendwelche Gruppen, die mit den Zelten kommen und nach zwei, drei Tagen sagen ‚es regnet hier nur, ich halte das nicht aus’. Diese Projektion, die man vorher hat, dass du denkst das Leben in der Natur ist so fantastisch und da wollen wir alle wieder hin zurück, aber es hält eigentlich kaum jemand aus, weil es so anstrengend ist. Und die Tiere, die passen natürlich immer perfekt rein. Das ist nichts neues, was ich erzähle, aber du denkst noch mal anders über dieses In-der-Landschaft-sein nach. Auch gerade weil auf Island die Gletscher so stark schmelzen, dass siehst du deutlich und was ist dann? Wenn die Landschaft dort, was weiß ich, zum Beispiel Palmen hervorbringen würde? Dann würde so ein Polarfuchs nicht mehr dort existieren. Ich meine es passiert überall weltweit, dass Tiere nicht mehr in die Landschaft passen. Was der Mensch natürlich kann, der kann in die Distanz gehen, der kann immer zurücktreten und überlegen ‚pass ich da noch hin… möchte ich jetzt wieder woanders hingehen oder mal woanders hingehen’ und diese Fragen übertrage ich. Das Tier schaut auf seinen eigenen Körper als Landschaft.

Feldforschung ist ein grundlegender Bestandteil deiner Arbeitsweise. Ich denke an deinen viereinhalbmonatigen Aufenthalt in Island aber auch an viele andere deiner Projekte. Warum ist die Feldforschung wichtig für deine Praxis?

Ich habe schon vorher ein bisschen darüber gesprochen, dass die Feldforschung als Layer ganz wichtig ist. Du wirst in diesen Zeichnungen nicht finden, dass ich plötzlich anfange diese Schichten offensichtlich zu mache.  Dass ich zeige‚ so, das war jetzt Tag X, da habe ich das und das gesehen’. Sondern das bildet einen ganz wichtigen Nährboden für die Zeichnung, aus dem sie dann entstehen. Wenn ich nicht diese Begehungen vor Ort oder in der Region hätte würde ein wichtiger Teil wegfallen. Dann wäre es bloßes Abbilden, aber das ist es nicht. Gerade auch die Begehungen mit den Wissenschaftlern sind sehr wichtig. Ich arbeite sehr gerne im Austausch mit Zoologen und Biologen auch vom BUND und NABU und spreche sehr viel mit ihnen über die Fauna vor Ort. Das ist natürlich auch wichtig, ganz wichtig, um zu bestimmten Fragestellungen zu kommen und darüber nachzudenken. Zum Beispiel als ich im März auf dem Darß war, in der Nähe gibt es dieses Kranichinformationszentrum in Groß Mohrdorf, die sind eine der wichtigsten Institution für Kranichforschung und Schutz. Mir wurde von den Experten des Zentrums zum Beispiel erzählt, dass Überlandleitungen für Kraniche sehr gefährlich sind. Das ist doch interessant, weil dadurch strukturiert sich auch der Raum für diese Vögel. So denkst du über andere Aspekte nach, als wenn du einfach nur auf der Wiese stehst und sagst ‚schöner Vogel’.

Du hast schon einige Werke geschaffen, die sich mit der Natur, der Landschaft und der menschlichen Existenz an der hiesigen Ostseeküste beschäftigen. Könntest du uns etwas darüber erzählen. Welche Eindrücke hast du bislang von diese Gegend?

Ich fand sehr schön jetzt im März, als die Vögel zurückkamen und es relativ menschenleer war. Deswegen hatte ich das Gefühl, ich kam freier zu den Plätzen wo die Tiere sein sollten. Das war auch witzig, weil oft niemand da war, aber auch keine Kraniche. Wann diese Kraniche kommen, kann man nicht genau vorherbestimmen. Irgendwann gibt es eine Zugkernphase, wo man weißt ‚ok jetzt hängt es vom Wetter und von der Windrichtung ab und wenn beides stimmt, dann ziehen sie relativ zügig durch’ Ich fand es toll, dass auch meine Begehungen davon bestimmt waren. ‚Wie ist das Wetter, wie ist der Wind?’ Und dann musste ich auch schnell ziehen. Dann musste ich nach den Tieren suchen. Und das hat mir Spaß gemacht, wie ich selbst dadurch die Landschaft anschauen musste. Wo musste ich hin um Tiere zu finden? Es gibt auf dem Darß einen, man nennt das Urwald, Darßer Urwald. Das ist eine relativ ursprüngliche Waldlandschaft. Dort bin ich Spazieren gegangen, es war ein sehr düsterer Tag und plötzlich habe ich ein brütendes Kranichpaar gefunden. Das erzählt dir natürlich niemand vorher wo die sind, weil sie die Vögel schützen wollen. Sonst gehen alle Kranichtouristen hin. Das war wieder so ein schöner, überraschender Moment.

Mein Blick hat sich nach diesem Monat dort ziemlich verändert. Ich habe sehr viel in den Himmel geguckt als ich wieder hier ankam. Ich habe bemerkt meine Orientierung war eigentlich eine andere, eine nach oben gerichtet und mein Gehör war total auf diese Rufe trainiert. Was macht das mit dir, mit der Wahrnehmung? Die Kraniche suchen eine Weite, wo sie sehr weit schauen können. Zum Schlafen ziehen sie sich ins Wasser zurück, wo nichts passieren kann. Ich fand diese Beobachtungen faszinierend.

Welche Pläne hast du für deine Zeit als Residenzkünstlerin am Kranichmuseum?

Im März begannen meine Recherchen vor Ort, wo ich versucht habe die Leute zu treffen, die sich explizit mit Kranichen beschäftigen.  Dann habe ich diese Kranich-Orte besucht und sehr, sehr viele fotografiert. Ich bin jetzt in der Ausarbeitungs- und  Übersetzungsphase. Im September bin ich noch einen Monat da. Dann kommen die Kraniche zurück, das interessiert mich, wegen der Kurve, von wo sie gelandet sind im März, sich verteilt haben, ihre Jungen bekommen haben und wieder abfliegen im September. Anschließend wird das Material ausgewertet und daraus wird die Arbeit fürs Kranichmuseum entstehen.

Ergänzend, was mich auch stark interessiert, ist natürlich der Vogelzug selbst, also wie lange fliegen sie und wohin? Interessant ist auch das System mit den Sendern. Die Jungvögel bekommen zum Teil  einen Sender angeschnallt und wenn sie eine bestimmte Strecke, oft bis in den Süden von Spanien, geflogen sind, kann man diese Wege relativ gut verfolgen. Es gibt ja Leute, die wirklich mit einem Vogel ziehen. Also, die eine Patenschaft von einem Vogel übernehmen und dann mit den Vögeln wandern. Sie sind oft Rentner, die viel Freizeit haben und dann… das ist doch toll. Es ist wahrscheinlich wie ein Haustier, das dir nicht gehört. Du kannst es nicht domestizieren und du kannst es immer beobachten. Komisch. Ja, es ist wirklich speziell, was Kranichforschung so mit sich bringt. Ich hätte nie daran gedacht, dass Leute das machen würden. Warum machen die Leute das… diese Sehnsucht und Projektion auf das wilde Tier. Es gibt in Groß Mohrdorf und andernorts Aussichtspunkte, dort kommen die Leute in der Vogelzugkernphase an. Im September muss es schlimm sein. Tausende von Leuten sind dann an diesen Stellen und es geht darum, wer kriegt das beste Bild. Sie gucken die ganze Zeit durch Objektive und niemand guckt den Vogel direkt an. Das ist so irre, oder? Es gibt immer eine Übersetzung zwischen dir und dem Tier. Sehr speziell. Ich habe einmal einen besonders natur- und ortskundigen Mann gefragt ‚Was fasziniert Sie denn so an diesen Tieren?’ Er antwortete: ‚Es ist nicht das einzelne Tier, sondern es ist die Fülle’. Das ist auch eine philosophische Frage, oder? Die Fülle? Darüber musste ich ziemlich lange nachdenken, denn das einzelne Tier ist für mich schon total faszinierend.

www.nicoleschuck.de

Ministerin Schäfer: “Wandzeichnung von Nicole Schuck wird Neubau für Geowissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster schmücken”

Zeichnung aus der Serie "Zeittiere und 185 Einwohner je km²" (Sumpfohreule), Blei- und Buntstift auf Papier, 65 cm 50 cm. 2012

Zeichnung aus der Serie “Zeittiere und 185 Einwohner je km²” (Sumpfohreule), Blei- und Buntstift auf Papier, 65 cm 50 cm. 2012

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